Opfer bringen
Aktualisiert: vor 6 Tagen
Der Titel klingt erstmal krass. Ich habe eine Weile gebraucht um zu verstehen, was ich genau opfern muss, wenn ich endlich loslassen will. Lange verstand ich auch nicht, was loslassen bedeutet oder wie genau sich das zeigen soll.
Wenn du wirklich bereit bist für dein neues Ich, musst du bereit sein dein altes Ich zu opfern. Du bist dann nicht mehr ,,die betrogene'' oder ,,die kranke'' ,,der zurückgewiesene''. Darauf kann man sich dann nicht mehr stützen. Und das macht Angst, weil man rund um seine Traumata ganze Charaktere gebildet hat. In der Furcht, wenn man diese loslässt steht man ohne Schutz da. Dann kann man sich nicht mehr verstecken. Tja, jetzt ist es deine Entscheidung was wohl schlimmer ist. Also ich Tippe mal auf das Steckenbleiben in der alten Identität. Wenn man sich nicht mehr übers Trauma und dazugehörige Gedanken, Gefühle identifiziert, wer ist man dann? Und was hat man von der Welt zu erwarten? Was für Gespräche soll ich dann führen?
Ich erinnere mich daran, dass ich eine Doku sah von einem Reporter der nach Indien reiste und mit einer Gruppe Männer mitreiste. Der Reporter fragte den jungen Mann etwas, ich glaube so etwas wie ,,woher kommst du?'' Der junge sagt: Ich bin jetzt hier. Dann scheint der Reporter verwirrt und fragt irgendwie wieder: Ja was bringt dich dazu hier her zu kommen. Der andere wieder ,,ich bin jetzt hier alles andere ist unwichtig''. Somit hatten sie nichts zu besprechen da der Reporter es sich schlicht und ergreifend nicht gewohnt war. Das ist ihm nicht abzuerkennen, da in unserer Gesellschaft die meisten Gespräche die Vergangenheit oder Zukunft betreffen. Ja ich hatte mal, mir ging es so, deshalb habe ich BLABLABLA. Und das fällt dann weg. Das kann am Anfang langweilig wirken aber wie viel ist dir dein Frieden wert? Gibst du ihm den Raum, den er verdient? Das meine ich mit Opfer bringen. Seine eigene alte Identität hängt mit den meisten Menschen zusammen die sich in seinem Leben befinden. Das ist das schwierige daran. Hier fällt loslassen schwer. Aber ich frage mich aktuell, wie bereit bin ich noch, Kompromisse einzugehen, die mich zurückhalten? In wie fern brauche ich die Bestätigung immer noch und in wie fern haben Dinge, die mein neues Ich widerspiegeln so überhaupt Platz zum eintreten?
Ja die Gesellschaft macht es einem nicht leicht. Aber vielleicht muss man nur seinen Blickwinkel ändern. Ich bin sicher der junge Mann aus Indien war sehr zufrieden so und hatte auch Menschen seinesgleichen in seinem Umfeld. Aber er ging keine Kompromisse mehr ein, da bin ich mir ziemlich sicher.
Es macht mich persönlich auch traurig, gewisse Teile hinter mir zu lassen, da ich sie auf eine Art wie gern bekommen habe, als wären sie abgespalten von mir aber doch nicht. Eine ganz komische Hassliebe. Also in wie fern macht es Sinn diese loszulassen? Was erhalte ich dafür ist vielleicht auch ein Gedanke. Der Mensch ist gerne egoistisch.
Oder das sich ganz selber neu erkundigen im unbekannten macht Angst. Man kennt sich ja gar nicht. Aber meistens ist es ja nicht ein ,,von heute auf Morgen'' Prozess, sondern man beschäftigt sich länger mit gewissen Themen und jetzt geht es einfach noch darum loszulassen und sich den Frieden zu erlauben und sein Herz zu öffnen ganz ohne Selbstsabotage.
Was sind für dich Gründe, an deiner alten Identität festzuhalten? Bei mir ist ein grosser Punkt meine Mutter. Ich ahne, dass wir nicht mehr viel zu besprechen hätten und in wie Fern sie bereit ist sich so zu verstellen wie ich es in der letzten Zeit tat bezweifle ich. Aber auch dort: Es ist meine Entscheidung wie viel Kontakt ich habe und über was wir sprechen. Ich muss sie nicht anrufen nur weil ich denke sie hat das Gefühl ich habe mich schon lange nicht mehr gemeldet. Vielleicht muss ich auch meine Identität ,,Tochter'' loslassen. Das kam mir jetzt wie ein Blitzgedanke und schockt mich etwas. Natürlich. Diese Identität verknüpft so vieles mit mir. Erwartungen, Enttäuschungen, Druck, so sein zu müssen, wie es JEMAND ANDERS von mir will. Kontrolle, Bedürfnisbefriedigung: Ich will geliebt werden. etc...Ich habe bis jetzt nur an vergangene Beziehungen etc gedacht aber manchmal muss man nüchtern die Realität betrachten wie sie ist. Man wird nicht immer aus voller Liebe geboren, auch wenn man ein Wunschkind war. Es werden Erwartungen, Krankheiten, eigene Bedürfnisse die man zu erfüllen hat auf einem projiziert. Das kann auch nonverbal geschehen. Dementsprechend wirkt sich das auch aus auf andere Beziehungen. Auch dort schaust du dann erst Mal was die andere Person will, weil das ist ja deine dir gegebene Identität. Wenn dir die Identität gegeben wird dass du gefälligst Liebe und Dankbarkeit zu geben hast oder bzw es wird erwartet. Dann wirst du dich in allen weiteren Beziehungen als Selbstverständlich sehen und hast das Gefühl du musst geben egal was ist. Du bist vielleicht auch hier damit die Beziehung gerettet wird oder wurde. Dass er ja nicht ,,gehen kann''. Also bist du auch noch ein Druckmittel. Daher kommt mein ganzer Druck realisiere ich jetzt. Ich habe den Druck verspürt die Beziehung zu retten, schaffte es aber nicht. Das habe ich dann auch fortgeführt in meinen Beziehungen. und scheiterte immer wieder, logisch weil man seine Traumas immer wiederholt. Wenn man in so etwas fundamentalem scheitert, hat man wohl auch einen riesigen Selbsthass. Und dadurch sucht man immer etwas zum erledigen um sich doch zu beweisen, dass man fähig ist. Also wie häufig macht man etwas weil man es wirklich tun möchte, und wie oft möchte man sich unbewusst etwas beweisen?
Du gibst meinem Leben jetzt einen Sinn. Ich meine was für eine riesige Verantwortung, die man offensichtlich nicht erfüllen kann, selbst wenn man wollte. Deshalb drücke ich mich so häufig davon, Verantwortung zu übernehmen, da sie mit einer Haufen Definitionen beladen ist, die mich mit Angst, Versagensangst übermannen. Und wenn man den Sinn nicht geben kann (oh Wunder) sucht man die Schuld bei sich. Man hätte doch nur aufmerksamer sein müssen, man hätte doch nur braver, stiller, konzentrierter etc. sein müssen, dann hätte es bestimmt geklappt. So wiederhole ich einen Marathon bei dem ich renne und gar nicht realisiere, wo das Ziel ist beziehungsweise dass es keins gibt. Eine ständige Wiederholung. Bis ich wieder merke, dass ich renne, dann wieder von vorne. Grundsätzlich bleibt: Die eigene Identität ist mit falschen Definitionen beladen. Mit Dingen, die wir nicht sind, jedoch von uns erwartet wurden. Das schlimme daran finde ich, dass nie etwas ausgesprochen wurde. Es ist alles subtil und zwischen den Zeilen. So fühlt man sich noch unbehaglicher, da man mit Umkehr rechnen muss, wenn man Dinge anspricht. Das ist wie die Umkehr die man erlebt in Beziehungen mit Narzisstischen Personen. Auf Einmal scheint die Person nicht zu wissen, wovon du sprichst und du machst ihrer Meinung nach ein Drama daraus. Nur wenn man sehr fest an seine eigene Wahrheit glaubt, kann man dem standhalten und dies ist in der Regel nicht so, wenn man so eine Geschichte hat. Diese Geschichte haben viele, wollen oder können sich aber damit nicht auseinandersetzen.
Zum Abschluss lässt sich zusammenfassen: Dein altes Ich muss sterben, damit dein neues Ich wiedergeboren werden kann in seiner ganzen Pracht. Was bist du bereit, dafür zu opfern?
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